Hickman auf Salzburgerisch
Grundidee
Leo Hickman, ein englischer Journalist, der mit Frau und Kind(ern) ein Mittelklasseleben in London lebt, litt am „Zuckererbsenmoment“, jenem „ Schuldgefühl, das einem sagt, man tue etwas Schlechtes, wenn man eine kleine Packung Zuckererbsen kauft“. So hat er den Entschluss gefasst, ein Experiment zu unternehmen, ein Jahr lang „ethisch korrekt“ zu leben. Sein Experiment fasste er in einem lesenswerten Buch zusammen.[1] Zwei Expertinnen (die Gründerin der Organic Food Stores in England, die Herausgeberin des „Ethical Consumer“) und ein Umweltexperte berieten ihn bei den zu setzenden Schritten. Er krempelte seine Konsum- und Ernährungsgewohnheiten um, wechselte die Bank, versuchte sein Baby in einer ethisch sensiblen Weise aufzuziehen (Windeln!), beschäftigte sich mit der Frage nach Chemikalien im Haushalt, besuchte einmal auch eine Mülldeponie in London, um sich „Wissen aufgrund von Bekanntschaft“ in lokalen Kontexten anzueignen. Denn ein vages Wissen um globale Zusammenhänge und ökologische Dynamiken erzeugt ein bloß diffuses Unbehagen, ist aber auch gleichzeitig Nährboden für Trägheit aufgrund der erfahrenen Überforderung.
Hier helfen klare Prioritäten. Die Einsicht, zu der Hickman kommt, ist klar – man kann mit kleinen Schritten anfangen und soll bei den Einkaufsgewohnheiten ansetzen – bei Müll, Ernährung, Chemikalien, Reisen. Daneben gibt es Konfliktpotential, das Güterabwägungen notwendig macht, etwa die Frage nach der ethischen Rechtfertigbarkeit von Kindern[2] oder in der Frage nach der Priorität von „fair trade“-Produkten oder biologischen Nahrungsmitteln. Ein entscheidender Punkt bei Hickmans Experiment wurde die Frage nach einer Ethik des Verzichts: „Unsere Urlaube gehören zu den Highlights im Jahr – und weil sie so unvergesslich sind, kann ich mir damit Daten merken … Wenn ich nicht jedes Jahr eine Auslandsreise machen könnte, wäre mein Leben beträchtlich ärmer“ (FN 103). In diesem Zusammenhang stellt sich dann die bange Frage: „Sollte man ein solches Leben wie eine lange Diät sehen, nur dass man sich statt Schokoladen-Eclairs, Chips und Vollmilch den Treibhauseffekt, Toxine und egoistische Angewohnheiten versagt?“ (FN 27)
[1] Leo Hickmann, Fast nackt. Mein abenteuerlicher Versuch ethisch korrekt zu leben. München: Pendo 2006 (A Life Stripped Bare. My Year Trying to Live Ethically. London: Guardian 2005). Abkürzung: FN.
[2] In einer e-mail, die der Familienvater Hickman erhalten hat, heißt es etwa kategorisch: „Kinder zu bekommen, ist das Unethischste, was Sie tun können“ (FN 73).


